Berlin-Pankow, 28. August 2026 – Während der Wahlkampf in Berlin an Fahrt aufnimmt, kommt auch im Pankower Kissingenviertel einiges ins Rollen: Erneut haben Eltern und Kinder hier mit einem Fahrrad-Demo-Bus für den Bau des lang ersehnten Radwegs in der Neummannstraße demonstriert. Über 60 große und kleine Teilnehmende haben sich an der Aktion. Nun wollen sie jede Woche wiederkommen und ihren Protest zur besten Schulweg-Zeit auf die Neumannstraße tragen.
„Es kann nicht sein, dass unser Kiez 16 Jahre auf einen sicheren Radweg warten muss!“, sagt Paul, Vater von zwei Kindern, Mitglied der AG Schulwegsicherheit der örtlichen Grundschule Wolkenstein und einer der Organisatoren der Demonstration. „An der Neumannstraße liegen fünf Schulen und zahlreiche Kitas und trotzdem gibt es keinen sicheren Radweg. Es wird Zeit, dass sich endlich was dreht: Seit 2010 wird geplant, verschoben, gestoppt. Inzwischen ist alles umsetzungsreif, doch die CDU blockiert im Bezirk und im Land. Jetzt reicht’s uns: Wir kommen wieder und demonstrieren ab sofort jeden Freitag für sichere Wege für alle. Wir zeigen, wie wir unterwegs sein wollen: Gemeinsam, sicher, bunt!“
Konkret fordert die Initiative neben dem lange verschleppten Bau des Radweges, dass die Kreuzungen für Radfahrende und Fußgehende sicherer gestaltet werden, die entlang der Neumannstraße unterwegs sind. Außerdem brauche es geschützte Bereiche rund um Grundschulen und Kitas, um gefährliche Szenen beim Bringen zu vermeiden. So soll es Kindern ermöglicht werden, geschützt und selbständig ihre täglichen Wege im Viertel zurückzulegen. Letztlich profitierten alle von den Veränderungen: Ruhigere Wohnstraßen, sichere Wege, gesündere Luft.
Die Situation vor Ort ist seit einigen Jahren besonders prekär: Die Grundschule Wolkenstein ist auf längere Zeit an einem Ausweichstandort untergebracht, der weit außerhalb ihres Einzugsgebietes liegt. Hunderte Kinder müssen daher täglich die vielbefahrene Neumannstraße entlang weite Wege zu ihrer Schule zurücklegen. Unmittelbar vor dem Schultor verläuft zudem nur eine schmale Einbahnstraße ohne Gehweg – gefährliche Begegnungen zwischen Autos, Fußgehenden und Radfahrenden sind da an der Tagesordnung. Insgesamt sind täglich über 4000 Kinder und Jugendliche unterwegs zu Schulen und Kitas an der Neumannstraße.
Der Kiez leidet zudem unter besonders viel Durchgangsverkehr, wie lokale Initiativen seit Jahren kritisieren: „Zwischen den großen Verkehrsachsen ist unser Kiez eine Abkürzung, die viele im Berufsverkehr nutzen. Der Kiez ist Lagerfläche für Wohnmobile und Anhänger. Viele Ecken sind zugeparkt. Die Querstraßen zwischen den Wohnböcken sind teils sehr breit, andere sind sehr schmal – aber trotz Tempo 30 rasen viele einfach durch. Der Verkehr im Kiez ist lebensgefährlich. Das hat der tödliche Unfall hier an der Neumannstraße vor Kurzem auf sehr bittere Art und Weise noch einmal sehr drastisch gezeigt,“ so Paul von der Initiative weiter.
Deshalb wichen viele Familien auf die Gehwege aus. Das ist für Kinder und begleitende Erwachsene auch zulässig oder sogar vorgeschrieben. Aber auch auf den Gehwegen sei es häufig viel zu eng und immer wieder gefährlich, so die Initiative. Dabei sind die Pläne für einen geschützten Radweg längst fertig – inklusive der Überarbeitung der Kreuzungsbereiche: Für die Ankündigung des nahen Baubeginns habe sich Pankows Verkehrsstadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU) vor rund einem Jahr noch feiern lassen. Passiert ist seitdem wieder einmal nichts, der Radweg soll auch in diesem Jahr nicht mehr fertiggestellt werden, wie jüngst eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten Oda Hassepaß und Louis Krüger (beide B’90/GRÜNE) ergeben hatte.
Die Initiative lädt alle ein, künftig jeden Freitag mitzufahren. Die wöchentlichen Demonstrationen starten wie bereits in der Vergangenheit an der Kreuzung der Neummann- und der Kissingenstraße und enden im Süden an der Trelleborg-Schule und der Grundschule Wolkenstein. Dabei sind Eltern und Kinder gemeinsam auf der Fahrbahn unterwegs und von der Polizei geschützt. Vorbild sind die regelmäßigen Kidical-Mass-Demonstrationen, die Changing Cities, der ADFC und andere Verbände seit Jahren ausrichten.
Außerdem kam Inspiration vom sogenannten Bicibus, dem Fahrrad-Bus, wie er in Spanien, Österreich und Frankreich schon weit verbreitet ist und auch in Deutschland immer häufiger wird. Dabei begleiten Erwachsene mehrere Kinder auf dem Fahrrad – und „lenken“ die Gruppe eben wie einen Bus. „Wer die Videos aus Barcelona oder anderen Städten kennt, wo dutzende, zum Teil hunderte Kinder gemeinsam und sicher eine große Straße entlangradeln, um mit dem Bicibus zur Schule zu kommen, kann sich vorstellen, wie schön es auch bei uns werden könnte: Entspannte Kinder, die selbständig unterwegs sind, und Eltern, die sich weniger Sorgen machen müssen“, beschreibt Paul von der Initiative das Konzept. „Bei uns kommt die Idee der politischen Demonstration hinzu. Wir wollen ganz konkret vor Ort zeigen was wir fordern: Sicher durch unseren Kiez zu kommen, in jedem Alter, mit dem Rad oder zu Fuß.“
